Wirtschaftskrise schlägt in Kindertagesstätten durch
Seit heute streiken Erzieherinnen und Sozialarbeiter in deutschen Kindertagesstätten nach vorherigen Warnstreiks in der letzten Woche.
Laut der zuständigen Gewerkschaft ver.di liegen die Schwerpunkte in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Rheinland- Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein, Hessen, Bremen und Baden-Württemberg. Doch die Auseinandersetzung um die Arbeitsbedingungen in Kitas gilt bundesweit. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg haben Meldungen zufolge den schlechtesten Betreuungsschlüssel bundesweit.
In den letzten Jahren ist eine flächendeckende Absenkung der Betreuungsschlüssel in Deutschland zu verzeichnen. Gleichzeitig haben fachliche Anforderungen, zum Beispiel das Erstellen und Pflegen von Entwicklungsberichten für jedes einzelne Kind, zugenommen. Wenn man Krankheits- und Urlaubszeiten in die Betreuungsschlüsselrechnung einbezieht, muß eine Erzieherin in Deutschland im Durchschnitt etwa 12-15 Kinder alleine betreuen.
Die Lautstärke in Kindergärten entspricht oft der einer 6spurigen Autobahn oder eines in 100 Meter Höhe fliegenden Düsenflugzeuges. Das ist Stress! In Deutschland wurde mehrfach von Anwohnern gegen Kindergartenlärm erfolgreich geklagt. Die Kitas mussten umziehen.
Nun klagen die Kindergärtnerinnen selbst gegen die aufzehrenden, gesundheitsgefährdenden Bedingungen in deutschen Kindergärten. Das öffentliche Berufsbild über Erzieherinnen und Sozialarbeiter ist das von mit Kindern spielenden Menschen, die dafür auch noch entlohnt werden.
Die Realität in Kindergärten sieht anders aus. Für jedes einzelne Kind muss harte Beziehungsarbeit geleistet werden. Kindgerechtes Eingehen auf deren Bedürfnisse. Anreize und Angebote schaffen. Heulen und Bockigkeiten mit Geduld und Einfühlungsvermögen begegnen. Alle im Blick haben. Ein Managerjob!
Wer sich genauer mit den Berufsanforderungen beschäftigt, der versteht, dass es in diesem Bereich einen zunehmenden Fachkräftemangel gibt. Geringe Bezahlung, oft außerhalb eines Tarifvertrages; Wechselschichten von ganz früh morgens bis in die Abendstunden hinein; hoher Krankenstand; Pausen, die wegen Personalmangels nicht genommen werden können; zu wenig Erholungsurlaub; erhöhte Anforderungen an pädagogische Konzepte und deren Erfolgsdokumentation!
Damit machen auch öffentliche Arbeitgeber seit Jahren Druck auf Kindergärtnerinnen. Beispielsweise wurde der Betreuungsschlüssel in Berlin von 1:9 auf 1:15 (1 Erzieherin, 15 Kinder) im realstatistischen Durchschnitt abgesenkt, während gleichzeitig Bildungssenator Böger die Umsetzung eines pädagogischen Programms mit entsprechendem Material den Kitas verordnet hat.
Inzwischen muss für die Zulassung zur Erzieherinausbildung in Berlin ein Abitur nachgewiesen werden, während gleichzeitig massenhaft 1-Euro-Jobberinnen in Kitas als zusätzliche Hilfen eingesetzt werden. Den Erzieherinnen wird ein Fachlichkeitsmangel suggeriert und damit die erhöhten Leistungsanforderungen individualisiert.
Das Abschmelzen tariflicher Errungenschaften lässt sich damit vor der Öffentlichkeit rechtfertigen und gleichzeitig werden die Betreuungsanforderungen erhöht. Die wirtschaftsliberale Politik der letzten Jahre führte zu massivem Haushaltsmangel in Landkreisen, Städten und Gemeinden. Während sich der Haushaltsposten „Straßenbau“ überall noch großer Beliebtheit erfreute, wurden für Kindertagesstätten und sozialpädagogische Einrichtungen seit Jahrzehnten flächendeckend die Mittel gekürzt. Budgetierung hieß die Zauberformel für Sozialkürzungen.
Der Leidensdruck schmerzt nun auch die ansonsten geduldigen Erzieherinnen spürbar genug, um in Form von Streiks aufzuschreien! Die Finanzkrise der öffentlichen Haushalte ist nicht der aktuellen Krise allein geschuldet, sondern Ergebnis eines jahrelangen Wertewandels der Gesellschaft hin zu einem gnadenlosen Materialismus.
Der Preis einer materialistischen ausbeutungsbereiten Gesellschaft bezahlen die Kinder, durch die Wirtschaftskrise nun noch mehr als zuvor. Wen wundert es, wenn diese schon früh in dieselbe Kampfarena streben!
Die öffentlichen Schulen melden seit Jahren Lehrer- und Ausstattungsmangel. Jetzt melden sich auch die Kitas. Der Streik von Erzieherinnen und Sozialarbeitern macht auf diese Missstände aufmerksam. Hoffentlich mit Wirkung zugunsten der Kinder!
© Harald Schuster
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