Wirtschaftsgestaltungsentscheidungsdilemma in der Krise

Wenn ein Normalbürger anfängt, sich Gedanken über die Finanzkrise zu machen, landet er schnell bei der Frage, wie viel Jahre er Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Politikwissenschaften und nicht zuletzt auch Pädagogik, Medizin und Psychologie studieren müsse, bevor er zu einer angemessenen und anerkannten eigenen Meinung und Entscheidung kommen könne. Dies bereits stellt eine schlichte Überforderung für eine Mehrheit der Bürger dar.

Ist es erlaubt, zu vereinfachen? Hat nicht gerade die Verkomplexung des Finanzwesens zu der Finanzkrise von heute geführt? Wenn keine Aufsicht und Wirtschaftskontrolle mehr Bilanzen einfach lesen kann; wenn kein Bewertungsgremium mehr durchblickt, wie Kredite wirklich zu bewerten sind; wenn Finanznetzwerke selbst eigenen Mitarbeitern nicht mehr transparent sind? Wenn Steuerrecht so komplex ist, dass selbst Fachleute außer Atem kommen! Schafft aber nicht genau diese Undurchsichtigkeit mafiose Gefahren? Ist sie vielleicht gewollt? Von einigen?

Die Bildzeitung verdankt ihren Erfolg auch der Fähigkeit, zu vereinfachen. Wie immer man dies wertet.

Eigentlich stehen sich zwei Thesen über den Zusammenhang der Wirtschaftskrise zunächst gegenüber:

These: Die menschliche Habgier ist an der Finanzkrise schuld.
Antithese: Die Wirtschaftssystemorganisation ist für die Wirtschaftskrise verantwortlich.
Die Synthese der Anklage lautete dann: Die Form der Interpenetration (=gegenseitigen Beeinflussung) von System und menschlichem Handeln löste die Krise aus.

Und schon wird es wieder kompliziert. Denn die synthetische Frage zieht die Frage nach sich: Wurde Habgier systemisch institutionalisiert?
Oder zwang ein System Finanzunternehmer zu egoistischem Handeln?
Oder ist das alles ein natürliches Auf- und Ab?
Die meisten jedenfalls wollen die Wirtschaftskrise loshaben.

Die einen setzen fortwährend die Banker auf die Anklagebank. Die anderen den milton-friedmännischen Kapitalismus in seiner radikal-fundamentalistischen Form.
Die dritten fordern noch mehr Differenzierung.

Die einen fordern vermehrte und funktionierende staatliche Kontrollen und Rahmenbedingungen für eine soziale Marktwirtschaft ein. Die anderen Systemveränderungen.
Die einen berufen sich auf Marx, die andern auf Friedman, die dritten auf Gesell. Radikaler Sozialismus, radikaler Kapitalismus oder soziale Marktwirtschaft.
Die einen wollen mehr Verteilung, die andern mehr Kontrolle und Verbraucherschutz, die dritten beides!

Die einen sehen in der Kumulation die Mutter aller Wirtschaftssünden, die anderen in Enteignung und Vergesellschaftung. Die dritten meinen, man müsse Teilvergesellschaftung und Geldverkehrregulierung konsequent betreiben. Die vierten verweisen auf religiöse Zusammenhänge.

Für alles gibt es Argumente und Gegenargumente. Die Grundfrage, die eine Gesellschaft sich in der Wirtschaftskrise zunächst stellen muss, heißt: Welches Hauptziel will sie verfolgen? Offiziell ist man sich schnell einig: Wohlstand für alle. Aber wie? Und da wird deutlich: Es gibt kein homogenes Ziel. Es gibt Interessengemeinschaften. Der momentane Wohlstand wird auch auf Kosten der Armen, der Zukunft und der Lebensfunktionen des Planeten genossen.

Unsere Welt ist bislang nicht so organisiert, dass man sozusagen mit Eintritt ins Erwachsenenalter die Gesellschaft und ihre Wirtschaftsorganisation frei wählen könnte. Qua Geburt wird man zum deutschen oder sonstigen Steuerzahler verdammt. Ob Staatsgelder nun gerade für Rüstung oder für humanitäre Projekte ausgegeben werden. Der Globalisierung entkommen wir nicht mehr. Bleibt die Frage: Wie soll dieser Globus aussehen?

Es gibt eine Grundwahrheit: So, wie eine Welt mit Ihren Alten, ihren Kindern und ihren Lebewesen umgeht, so sieht ihr Gesicht aus!
Welches Weltgesicht erträumst Du? Und wie engagierst Du Dich für dessen Realisierung?
Bild Dir Deine Meinung! Aber nicht bildbillig!

© Autor: Harald Schuster

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