Persönlichkeitsprofil eines Investmentbankers!
Geraint Anderson zog Anzug, Kragenhemd und Krawatte samt Unterwäsche vor einer woodstockähnlichen Kulisse inszeniert aus und warf sie ins offene Feuer. Die Szenerie erinnert an Franz von Assisi, als er vor den Augen des Bischofs, seines Vaters und der Öffentlichkeit 1207 n.Chr. sich aller seiner Kleider entledigte und laut den Verzicht auf sein Erbe erklärte.
„Weder Geld noch Kleider will ich von dir, von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel!“ soll Franziskus zu seinem Vater, einem reichen, selbständigen Tuchhändler, gesagt haben. Und dann predigte und lebte er Besitzlosigkeit. 1207 gab es noch kein youtube. Sonst hätte ein Handyfilmer die Szene bestimmt reingestellt.
Doch Geraints inszenierte Bekehrung sieht weitaus angepasster aus. Im Gegensatz zum heiligen Franz nahm Geraint Anderson seine letzte Bonizahlung noch mit, bevor er Anfang 2008 als „Cityboy“ der „City of London“, wie das Börsenviertel genannt wird, den Rücken kehrte und Upperclass-Klamotten für den Rest seines Lebens abschwor. Rechtzeitig vor der Wirtschaftskrise, deren Kommen er zwar prognostizierte, ohne aber den genauen Zeitpunkt zu kennen.
Ein Aussteiger war Geraint auch schon vor seiner Brokerzeit. In die Upperclass von Notting Hill in London 1972 hineingeboren, hatte er als Sohn des britischen Labour-Abgeordneten Donald Anderson, der sich mit calvinistischer Arbeitsmoral nach oben gearbeitet hatte, einige Optionen für seine Biografiegestaltung offen.Vielleicht hatte ihm die Assisigeschichte seine Mutter, eine Missionarstochter in Jugendjahren erzählt. Vielleicht auch Mickey Rourke!
Nach dem Abitur trieb es ihn jedenfalls in die Hippie- und Aussteigerkultur Asiens, wo er das cannabiserzeugte Nirwana genoss. Einen Master-Hochschulabschluss besiegelte er über das Thema „Revolution“ an der Sussex University, nachdem er in Cambridge zuvor ein Geschichtsstudium begonnen hatte. Dann kehrte er nach Indien zurück und versuchte durch Kleinhandel mit T-Shirts und Schmuck seinen Lebensunterhalt inklusive Drogenkonsum zu bestreiten. Asien begeisterte ihn. Das Reisen und das freie Leben auch.
Um die gestiegenen Eintrittskosten ins Hippie-Nirwana bestreiten zu können, kehrte er mit 24 Jahren nach London zurück, wo ihm sein soliderer Bruder Hugh 1996 den Einstieg in die lukrative Börsenwelt vermittelte.
Schnell landete er bei der niederländischen Investmentbank ABN Amro, die im europäischen Energiesektorgeschäft unter anderem von RWE und EON agierte, obwohl Geraint bei seinem Einstieg keine Ahnung von Börse und Aktienkursen hatte. Von nun an galten kurze Haare und die klassische Anzug-Krawatten-Bourgoisshow der Banker.
Geraint schwor sich, keinen Tag länger als 5 Jahre dort seine Aussteigerrücklagen zu erwirtschaften. Aus den 5 wurden 12 Jahre. Schon nach dem ersten Jahr kletterte sein Gehalt samt Boni in die Region von 50.000 Pfund, die sein Vater mühselig nach vielen Jahren harter Arbeit erreicht hatte. In den letzten zwei Jahren vor seinem Ausstieg erhielt er zu den umgerechnet 160.000 Euro Festgehalt Boni im Wert von umgerechnet 650.000 Euro. Viel Geld für einen 35jährigen!
Wie Anderson selbst beschreibt, gehörte zu einem Teil des Investmentspiels, dass er mit einem Team in der Welt herumflog und den Anlegern in der Schweiz, in Japan, in Amerika und anderswo ein Image der Insider-Fachleute verkaufte, bei denen sich das Geld selbstredend wunderbar mehren würde. 2 Promille vom Umsatz ergab bei jeder Million 2000 Pfund für den handelnden Broker.
Als Standard-Cityboy der Londoner Börsenwelt – weiß, jung, männlich, mit lockeren Moralvorstellungen, selbstzufrieden und immer in Feierlaune, risikofreudig, analytisch und berechnend – führte er seine Geschäftspartner in die Vergnügungswelt, die Bars und Stripteaselokale aus, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Er hielt es da mit Warburg: „Werde erst der Freund und dann der Banker Deines Kunden!“
Und es funktionierte. Full-time für die Geschäfte unterwegs, gepuscht von Konkurrenzkampf und Koks, schob er die Finanzpapiere für seine Kunden hin- und her. Insidegeschäfte für Kursgewinne gehören an der Börse selbstverständlich genauso zum Geschäft wie Falschmeldungen an die Presse, um eine Kursentwicklung für ein Börsenschnäppchen zu beeinflussen.
Steuerschlupflöchernutzung inklusive. Dazwischen Analysen, Analysen, Analysen. Geraint’s Freizeitausgleich „Boxsport“ steht synonym für das Broker-Leitbild: Schlag schneller zu als Dein Gegner und schütze Dich vor seinen Hieben. Blöffe von Zeit zu Zeit und nutze die Verwirrung.
Als in Utah ein Kraftwerk in die Luft flog, vertrauten die Anleger der Empfehlung eines 27jährigen Geraint am Telefon für ihre Entscheidungen. Sie lag etwas daneben, aber das gehört zum Spiel. Das Gesamtergebnis zählt. Für sein Gesamtergebnis erhielt Geraint drei Auszeichnungen als bester Analyst seiner Sparte.
Im Jahr 2000 wechselte er zur Anlageberatung für die Dresdner Kleinwort und Commerzbank. Beide gerieten 2008 in den Strudel der Finanzkrise. Letztere existiert heute dank Steuerzahlerhilfe gebrechlich weiter, während die Dresdner Bank ihr Misswirtschaftsunternehmen der Commerzbank unterjubeln konnte.
Kleinwort strich über 200 Stellen und trotz zwei Milliarden Euro Verlust, durfte Stefan Jentzsch, Ex-Chef von Kleinwort mit einem Auszahlungsbetrag von 8 Millionen Euro aus seinem Amt scheiden. Privat hat es für jenen und für Geraint gelohnt.
Und Geraint, der während seiner Brokerzeit wie viele seiner Kollegen die Stimme des Gewissens mit Alkohol, Kokain, Workoholic und ausschweifenden Vergnügungen beschwichtigte, fing zudem an, eine Zeitungskolumne wie eine Couch bei der Psychoanalyse zu nutzen und anonym der Öffentlichkeit sich seine dekadenten City-Boy-Geschichten von der Seele zu reden.
Das entlastete und befreite. Doch zugleich betrieb er Nestbeschmutzung. Während ganz London voyeuristisch das schmutzige Börsentreiben vergnügt konsumierte, rätselte die Finanz-City verärgert, wie das Insider-Gesicht des Verräters der Börsen-Kulte wohl aussieht.
Gerade noch rechtzeitig, bevor es publik wurde, überwies ihm sein Arbeitgeber die Boni für 2007. Anderson, dessen gespaltene Seele zwischen Ausstiegsplänen und der Judaslust auf die Geldvermehrung hin- und herschwankte, blickte durch einen Motorradunfall plötzlich dem Tod ins Auge. Das gab ihm den Rest. Er stieg aus.
Im Nachgang bewiesen sich seine Prognosen eines Finanzcrashs plötzlich als richtige Prophetie. Schneller als er selbst geglaubt hätte. Im Herbst 2008 knallte die Blase endgültig ihr geblähtes Gebilde in die Finanz- und Realwirtschaft.
Obwohl Anderson vor der Krise riet, Aktien zu verkaufen, verlor er durch die Finanzkrise selbst 400.000 Pfund. Er hörte nicht auf seinen eigenen Rat. Nun schrieb Andersen ein Buch: Cityboy. Gerade in Deutsch erschienen. Einen bösen Song über die Cityboys der Finanzwelt ergänzt sein neues künstlerisches Treiben ohne Anzug.
Und auf seiner Homepage cityboy.biz schrillt er als zigarrerauchender Cityboy, der sich gerade mit einer Haschtüte sein Havannagewächs entzündet. Sein Gauklernaturell ist ihm trotz Motorradunfall und Finanzkrise erhalten geblieben. Seine Präzision und Geschäftstüchtigkeit auch. Schulprojekt in Kenia, Verfilmungspläne seines Buches, Asienliebe.
Eben das Psychogramm eines Investmentbankers.
© Autor: Harald Schuster
