Milch in der Wirtschaftskrise
Einem Drittel der Milchviehhaltungsunternehmen droht der Konkurs!
Lautstark wird über den Erhalt wirtschaftlicher Freiheit debattiert. Dass aber längst planwirtschaftliche Regulierungen das Gesicht der sozialen Marktwirtschaft mitbestimmen, wird an der Milchquote deutlich.
1984 führte die EG, heute Europäische Union, eine Milchquote ein, die jedem Mitgliedsstaat nur eine bestimmte Milchproduktionsmenge zubilligte. Wer darüber liegt, muss empfindliche Strafen bezahlen. 2003/04 musste die Milchviehwirtschaft in der EU dafür 388 Mio. € Superabgabe berappen.
In den 80ern kostete 1 Liter Milch etwa ein Mark (= 51 Cent). Erst kostete sie dann nach Einführung des Euro 2002 im Schnitt 55 Cent, dann war sie plötzlich in allen Supermärkten etwa bei 67 Cent und jetzt drückt Aldi und andere den Preis wieder auf etwa 50 Cent.
Die Bauern benötigen etwa 35-45 Cent pro Liter Milch für eine wirtschaftliche Rentabilität innerhalb der Quotenrichtlinien. Doch angeboten wird Ihnen lediglich ein Preis von 25-35 Cent/Liter in einigen Regionen sogar darunter.
Romuald Schaber, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) erklärte in einem Interview im Deutschlandradio, daß viele „Milchbauern“ nicht mehr kostendeckend arbeiten können. Einem Drittel der Milchproduktionsbetriebe droht der Konkurs.
Die deutsche Milchproduktion deckt den gesamten Milchbedarf der Republik. Die EU-Milchplanwirtschaft orientiert sich an den Weltmarktpreisen und versucht durch die Quoten einen Preiszerfall durch Überproduktion zu verhindern.
Deutschland überschritt und überschreitet regelmäßig diese Quote um 15-20 Prozent. Andere EU- Länder wie beispielsweise Frankreich, England und Spanien schöpfen ihre Quoten nicht aus. - Trotzdem muss Deutschland eine Superabgabe für die Quotenüberschreitung bezahlen.
2003 wurde EU-weit die Quote insgesamt unterschritten. Die Nachfrage überstieg das Milchprodukte-Angebot. Danach wurde die staatliche Milch-Subventionierung ausgesetzt. Sofort stiegen die Milchpreise massiv an. Nun haben wir erneut eine Preiskrise. Einerseits bekommen die Bauern zu wenig Geld beim Verkauf ihrer Milch und andererseits klagen die Verbraucher über den Anstieg der Lebenshaltungskosten.
Könnte ein garantierter Milchpreis für alle Bauern dieser Welt im Rahmen einer UN-Resolution dem Abhilfe schaffen? Wäre dazu auch eine weltweite Quotierung nötig? Und gleichzeitig nationalstaatliche Verkaufspreisfestlegungen? Das wäre der Anfang einer globalen planwirtschaftlichen Regulierung im Milchproduktionssektor. Doch wie anders entkommen die Menschen den Globalisierungsfallen?
Auf EU-Ebene haben wir diese Regulierung bereits. Jedoch einseitig für die Produktionsmenge. Nicht aber für den Preis. Der halbherzige Versuch eines europanationalen Schutzes der Milcherzeugung befindet sich in einer ständigen Krise. Marktwirtschaftliche Freiheit und staatliche Regulierung finden hier bislang keine Balance zur allseitigen Zufriedenheit.
Und Kühe sind auch nicht nur ein Milchproduktionsfaktor. Sie sind Lebewesen. Säugetiere. Eine Diskussion über eine Regulierung zugunsten glücklicher Kühe hört man kaum. Und der Hartz-IV-Bezieher ist froh über jeden Cent, den er einsparen kann, auch bei der Milch.
Das europäische Milchproblem ist so komplex wie das gesamtvolkswirtschaftliche Geschehen.
Eine einfache politische Antwort wie: „Milchpreis rauf“ erweist sich auch hier als Populismus! Die Wirtschaftskrise der Bauern auf der einen Seite und die Finanzkrise der Privathaushalte auf der anderen Seite sind ein komplexes Zusammenspiel. Es bedarf realisierbarer Konzepte, die allen aus der Krise helfen!
© Harald Schuster
Tags: Lebensmittel in der Wirtschaftskrise, Subventionierung
