Der Böse und die Unschuldslämmer – Think positive! Genugtuung am 221. Geburtstag von Madoff
eine Glosse von Harald Schuster
Endlich ist das Urteil über den genialen Börsen-Trickbetrüger gesprochen: Stellvertretend für die Gier einer ganzen Branche weidet sich die Öffentlichkeit an den 150 Jahren Gefängnis, das das US-Bezirksgerichts von Lower Manhattan gestern dem Wall-Street-Börsianer Bernie Madoff aufbrummte. Für 65 Milliarden, die er als Börsenblase geschickt aufbaute. Nicht als Drogenbaron, sondern als 20 Jahre hochgeachteter Broker. Man muss schon äußerst genial sein, um das hinzukriegen. Und von einer Horde Naivlingen umgeben sein. Zum Beispiel der Börsenaufsicht SEC.
Wenig ist davon zu lesen, warum eine ganze Generation ihr Geld leichtgläubig in die Hände der Casino-Spieler gab. Als hätte er 20 Jahre lang einfach betrügen können, ohne dass es jemand merkt. Sie sind alle so nett zueinander – die Upper-Class-Mitspieler und jene, die für ihre Egoerweiterung kleinformatig ihre Zugehörigkeit zum erlauchten Zirkel zelebrierten. Der Kleinanleger am Ende der Anlagekette nicht ausgenommen! Bis zum Crash.
Dressierte Broker-Freundlichkeit. Die Insider-Class als verschworene Vertrauensgemeinschaft. Madoff hat sich ihres neurotisch-snobistischen und naiven Rendite-Dranges geschickt bedient. Er bediente Träume, nicht Menschen. Und Menschen lieben Träume. Und Madoff und seine Frau verwirklichten sie mit Luxushaus, Yacht und ähnlichem Tand.
Ist die Reagan-Generation so naiv geworden, dass sie alle Erkenntnisse der Psychoanalyse, die sich nicht wenige Besserverdienende in den USA leisteten? Kein gesundes Mißtrauen? Alles nur Angst vor paranoidem Mißtrauen? – think positive! – eine Generation vertraut ihren schlipstragenden Bankern, Versicherern, All-Finanzberatern, weil sie so gut den elitären Geruch mit ihren braungebrannten Gesichtern, ihren gestärkten Kragenhemden und passenden Anzügen samt Aftershave gehobener Klasse präsentieren, mit vereinahmender Stimme und Samy-Molcho- trainierter Körpersprache, ackermannstrahlender Freundlichkeit in blitzend-persilweißen Zähnen; vorgegaukelte Freundschaft und Vertrauenswürdigkeit!
Verwecktes Höflichkeits-Verhalten am Hofe der Master of Universe! Illumination einer luxurioösen Noblesse. Elitäres Schlaraffia auf dem Rücken von afrikanischen Baumwollpflückern. Wie naiv muss man sein, um diesen Gurus die Füße zu küssen?
Doch schon am gleichen Tag wird uns wieder verkauft, dass wir Steuergeschenke bekommen sollen. Geschenke. Als wäre es nicht unser eigenes Geld, das die andern da in die Hand nehmen und es uns auch noch am Vorabend der Bundestagswahl als Schenkung konnotieren wollen!
Wie die alte Schlange: Sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht von ALLEN Bäumen essen? - ein unauffälliger Zusammenhangverdreh.
Verführerisches Gesülze des Wolfes, der die 7 Geislein haben will. Wieder mal. Hoffentlich versteckt sich eines im Uhrenkasten und kommt dann heraus, wenn der Wolf schläft und schneidet die Einverleibten aus der Bärenhöhle wieder heraus.
Es braucht lange, bis ein Mensch genug Menschenkenntnis erworben hat, um sich nicht mehr über’s Ohr hauen zu lassen. Und manche bevorzugen die Schläge vor der Anstrengung des Widerstandes.
Wie formulierte es der Computerphilosoph Josef Weizenbaum:
„Ich nehme an, daß ich auch einen Ferrari oder Maserati schätzen würde - aber ich würde so ein Auto keinem 14jährigen Jungen geben. Und das hat nichts damit zu tun, daß die Technik böse ist oder das Auto gefährlich: Der Junge ist einfach nicht reif genug, so ein mächtiges Instrument vernünftig zu benutzen. Dasselbe gilt für unsere Gesellschaft. Und die Frage ist für mich nur, ob wir sieben Jahre alt sind oder schon vierzehn.“
(Joseph Weizenbaum (1923-2008), östr.-amerik. Mathematiker und Informatiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT)).
Das gleiche gilt für Investition in komplexe Finanzprodukte. Was man nicht bis ins Detail verstehen kann, sollte man besser lassen, auch wenn der Berater noch so eine vertrauenserweckende Stimme hat. Schon die Kinder lernen: Der böse Wolf verstellt seine Stimme. Lernten. Heute werden die Kinder ja von Schwachsinn wie Spongebob gefüttert. Sehr hilfreich für Banker. Man kann diese Generation „Blöd“ dann leichter verführen und verzwecken! Und manche fühlen sich ohne Geld ja wie nackt. Und erschießen sich, als hätte das nackte Leben keine Würde und keinen Sinn mehr.
Entweder man findet heraus aus dem verführerischen Labyrinth des Tanzes um das goldene Kalb oder man schaut, dass man trotz verschärfter Waffengesetze sich den Freitod ermöglicht. Bevor jedoch jemand diese Alternative wählt, sollte man jedoch zwei Sätze des Hauptimpulsgeber der abendländischen Kultur meditieren:
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt!“ und: „Man kann nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon (=Geld)!“
Wenn die beiden Jahrzehnte, die den Milleniumwechsel markieren, einen genialen Next- David Copperfield hervorbrachte, dann eben diesen Bernie Madoff. Die Illusion schien perfekt. Warum hat nur einer der 1341 geschädigten Publikumslieblinge von Madoff hinter seine Kulisse und Fassade geschaut?
Die US-amerikanische Gesellschaft wittert in jedem Araber einen potentiellen Selbstmordattentäter. Dafür hat man sogar bei Folter weggeschaut. Aber ihren Nadelstreifen-Attentätern vertrauen sie noch ihr Privatestes an! Was für eine Mafia-Kultur! Unglaublich aber wahr!
Was für eine wirtschaftliche Grundausbildung haben diese Leute erhalten? Was ist der High-School-Abschluß wert? Let’s make money auf Teufel komm raus? Und er kam raus. Mit tausenden Klonen. Aber macht nichts. Der Teufel steht ja auf der Seite von Amerika. Verarmen und leiden tun nur die anderen? Erwachet ihr betrogenen Betrüger und schaut nach Afrika, Asien, Südamerika und Indonesien: Dort leben die Betrogenen des neoliberalen, turbokapitalistischen Madoff-Prinzips.
Der selbst benachteiligte Samariter hebt den unter die Räuber geratenen und Niedergeknüppelten am ehesten wieder auf. Das Establishment nicht. - Welch eine Chance für die 3. Welt, dass die 3. Welt nun in der 1. Welt Einzug gehalten hat! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
© Glosse: Harald Schuster
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