Das islamische Finanzsystem

Business mit ethischen Vorsätzen

Einige Zentralbanken haben ihren Leitzins so weit gesenkt, dass er schon fast bei null Prozent liegt. Warum werden die Zinsen nicht gleich abgeschafft?

Ein Finanzsystem, das keine Zinsen kennt und sich auch in Bezug auf weitere Regelungen unterscheidet, ist das islamische Bankensystem, das seit Jahren am Wachsen ist und während der Finanzkrise kaum Verluste zu melden hatte. Die Unternehmer, die dieses System befolgt haben, stehen heute sogar gut dar. Praktisch ist das System zwar noch nicht sehr weit ausgebaut. Von der Theorie, die seit über 1400 Jahren besteht, können die angeschlagenen Volkswirtschaften jedoch einiges wertvolles übernehmen.

Der Besitz von Privateigentum, die Deregulierung und die Vertragssicherheit werden nach der islamischen Lehre positiv betrachtet. Der Islam ist strikt gegen jede Form des Kommunismus. Er befürwortet eher den Kapitalismus, jedoch eine Art des kapitalistischen Systems, die sozialverträglich ist. Er betont die Verantwortung der Reichen gegenüber der ärmeren Bevölkerung, verbietet das Zinsnehmen und das Horten von Geld. Dass die Lehre von einem Mann, der vor über 1400 Jahren lebte, heute noch Anwendung findet, verdeutlicht die starke Anpassungsfähigkeit des Islams und die Flexibilität seiner Lehre, deren Prinzipien heute zeitgemäß angewandt eine funktionierende Wirtschaft ermöglichen können.

THEORIE: Grundlage des Islam

Das Fundament der islamischen Lehre und damit des islamischen Finanzsystem sind hauptsächlich der Koran (arab. Qur-ân), die Praxis des Propheten Muhammad (arab. Sunna) und die Überlieferung seiner Aussprüche, Reden und Gespräche (arab. Ahadith). Die Scharia (wörtlich: ein Weg zur Quelle) besteht hauptsächlich aus diesen drei Komponenten.

Muslime glauben, dass der Prophet Muhammad den Koran als eine göttliche Anweisung erhalten hat, eine „Richtschnur“ für jeden Lebensbereich wie es dort gleich am Anfang des Buches geschrieben steht. So auch für die wirtschaftlichen Aktivitäten. Im Folgenden werden die islamischen Prinzipien des Korans zum Wirtschaftsaufbau erläutert.

Muhammad: Prophet und Kaufmann

Der Prophet Muhammad lebte von 571 bis 630 in Mekka und Medina und war selbst jahrelang ein erfolgreicher Kaufmann und als ein aufrichtiger und wahrheitsliebender Geschäftsmann bekannt.

Deshalb finden Muslime heute sowohl im Koran als auch aus dem Leben des Propheten Muhammad Beispiele dafür, wie ein wirtschaftliches Handeln nach islamischen Vorstellungen aussehen sollte, und wie die Regeln und Standards für ein islamisches Finanzsystem ausschauen können.

Islamische Prinzipien für ein Wirtschaftssystem

  • Privateigentum, Deregulierung und Vertragssicherheit
  • keine Zinsen (arab. „riba“)
  • „ethische“ Finanzprodukte
  • Fonds mit Teilung von Gewinn und Verlust
  • Investitionen in „shariakonforme“ Sektoren
  • Keine Hortung von Geld
  • Almosen geben, ein Teil der Einnahmen für wohltätige Zwecke

Handel und Zinsen

Handel ist nach der Lehre des Islams etwas, was zum Leben dazu gehört, aber nach bestimmten Kriterien befolgt werden soll. So darf das Geschäfte machen nicht so weit ausarten, dass man sich selbst und die Befolgung der rituellen Gebote und somit die Beziehung zu Gott vernachlässigt. Drittens dürfen die Handelspartner und die Kunden nicht betrogen werden. Strikt verboten sind Zinsen aus Gründen ihrer Zerstörungskraft. Im Folgenden einige Verse aus dem Koran, die das Thema Zinsen ansprechen:

„Die Zins verschlingen, stehen nicht anders auf, als einer aufsteht, den Satan mit Wahnsinn geschlagen hat. Dies, weil sie sagen: „Handel ist gleich Zinsnehmen“, während Allah doch Handel erlaubt und Zinsnehmen untersagt hat. Wer also eine Ermahnung von seinem Herrn bekommt und dann verzichtet, dem soll das Vergangene verbleiben; und seine Sache ist bei Allah. Die aber rückfällig werden, die sind des Feuers Bewohner; darin müssen sie bleiben. Allah wird den Zins abschaffen und die Mildtätigkeit mehren. Und Allah liebt keinen, der ein hartnäckiger Ungläubiger, ein Erzsünder ist.“

„…Und wenn er (der Schuldner) in Schwierigkeit ist, dann Aufschub bis zur Besserung der Verhältnisse. Erlasst ihr es aber als Guttat: das ist euch noch besser, wenn ihr es nur wüsstet.“ (Koran: Sura 2, Vers 76 f.)


„O die ihr glaubt, verschlinget nicht Zins, der (die Schuld) übermäßig mehrt; und fürchtet Allah, auf dass ihr Erfolg habt.“ (Koran: Sura 3, Vers 131)


„Was immer ihr auf Zinsen verleiht, damit es sich vermehre mit dem Gut der Menschen, es vermehrt sich nicht vor Allah; doch was ihr an Zakât gebt, indem ihr nach Allahs Antlitz verlangt – sie sind es, die vielfache Mehrung empfangen werden.“ (Koran: Sure: 30, Vers 40)

Im einem Korankommentar, indem einzelne Verse aus dem Koran erläutert werden, heißt es zu Thema Zinsen:

„Riba, das wörtlich Überschreitung und Hinzufügung bedeutet, bezeichnet eine Hinzurechnung zum Kapital. Es beinhaltet sowohl Wucherzins als auch Bankzinsen. Gemäß der Hadith fällt „jedes Darlehen, das entwickelt wurde, um Profit zu machen“ unter diese Definition […] In der Tat ist jede zuvor festgelegte Summe, die man zusätzlich über die Leihgabe hinaus erhält oder zurückgeben muss, die man vergibt oder erhält, eine Verzinsung. Es ist unerheblich, ob es sich dabei um einen Handel mit einem Individuum, einer Bank, einer Gesellschaft, einem Postamt oder einer anderen Organisation handelt. „Zinsen“ sind nicht nur auf Geld beschränkt. Sie können auf jeden Gegenstand ausgeweitet werden, das als Darlehen unter der Bedingungen ausgeliehen wird, sodass es mit einem festgesetzten Überschuss zurückgegeben werden muss

[…] Genauso wie ein verrückter Mann achtlos gegenüber den Konsequenzen seiner Handlungen ist, genau so sind auch die Geldverleiher herzlos dem moralischen und ökonomischen Schaden unbewusst, den sie den Individuen, der Gesellschaft und der Welt insgesamt zufügen. Riba verursacht auch einen Hauch von Verrücktheit bei den Geldverleihern in dem Sinne, dass ihre gesamte Vermehrung des Profits sie gegenüber guten Dingen gleichgültig macht. Riba ist im Islam verboten, weil es darauf abzielt, dass der Reichtum in die Hände eines kleinen Kreises gelangt und dadurch seine gerechte Verteilung nachteilig beeinflusst wird. Es fördert Trägheit bei den Geldverleihern und zerstört in ihnen jeden Anreiz, anderen zu helfen und unterdrückt jede Quelle eines mitfühlenden Verhaltens. Der Geldverleiher zieht Vorteile und macht seinen Profit aus den Bedürfnissen und aus der Notlage anderer. Während einerseits Riba verursacht, dass der Kreditgeber den Bedarf anderer Menschen ausnutzt, ruft es beim Schuldner eine Tendenz hervor, Dinge nachlässig und in Eile zu tun, wodurch er Schulden auf sich nimmt, ungeachtet seiner Kapazität diese wieder zurückzuzahlen, womit er sich selbst und dem Geldgeber nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügt. […]

Aus diesem Grund sagen auch viele muslimische Gelehrte, dass jedes System, dass auf Zinsen aufgebaut ist, irgendwann in eine tiefe Krise kommen wird, nicht mehr funktionsfähig ist und sich letztendlich selbst zerstört.

Formen von Zinsen

Einige Gelehrte sind der Meinung, dass jede Art des Zinses verboten ist; dagegen haben andere das Wort „riba“, das für Zinsen im Arabischen gebraucht wird, nur für den Wucherzins benutzt. In jedem Fall ist jedoch ein vorher festgelegter Zinssatz nicht gestattet, da er dem Schuldner bewusst schadet und ihn in eine finanzielle „Sklaverei“ hält.

Unislamische wirtschaftliche Geschäfte und Geschäftsformen

Gemäß der islamischen Lehre sind besondere Geschäfte mit verbotenen Mitteln nicht erlaubt (arab. haram). Dazu zählt zum Beispiel u.a. der Handel mit Alkohol, Schweinefleisch und pornographischen Produkten.

Glücksspiel

Zur Thematik des Glücksspiels heißt es im Koran:

Sie fragen dich über Wein und Glücksspiel. Sprich: „In beiden ist großes Übel und auch Nutzen für die Menschen; doch ihr Übel ist größer als ihr Nutzen.“ Und sie fragen dich, was sie spenden sollen. Sprich: „(Gebt, was ihr) entbehren (könnt).“ So macht Allah euch die Gebote klar, auf dass ihr nachdenkt, über diese Welt und die künftige. Und sie fragen dich über die Waisen. Sprich: „Förderung ihrer Wohlfahrt ist (eine Tat) großer Güte.“ Und wenn ihr mit ihnen enge Beziehungen eingeht, so sind sie eure Brüder. Und Allah unterscheidet wohl den Unheilstifter vom Friedensstifter. Und hätte Allah gewollt, Er hätte es euch schwer gemacht. Wahrlich, Allah ist allmächtig, allweise. (Koran: Sura 2; Vers 220,221)

Mit dem Verbot von Glückspiel werden auch gleichzeitig die Arten des „Geldverdienens“ die unter verschiedenen Namen bekannt sind, als nicht erlaubt erklärt, weil sie eine Form des Glücksspiels darstellen. Alle Finanzprodukte, die dazu erschaffen wurden mit Spekulationen auf Kosten anderer schnelles Geld zu machen, werden somit abgelehnt werden. In der heutigen Zeit sind sie unter angenehm klingenden Namen global verbreitet. Der Islam jedoch verbietet den Handel, den Verkauf oder den Besitz von Hedgefonds, Kreditderivaten etc., die unter die Kategorie des „Glücksspiels“ fallen.

HEUTE: Gründung und Entwicklung des islamischen Bankensystems

Die Theorie über ein Finanzsystem nach den islamischen Prinzipien gibt es seit über 1400 Jahren. Den Anfang eines modernen Bankensystem nach der Scharia für die heutige Zeit soll es in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegeben haben. Die New Yorker Citibank hat demnach eine der ersten Abteilungen gegründet, die sich um die speziellen Dienstleitungen für die muslimischen Kunden kümmerte. Heute haben viele der großen internationalen Banken solche Geschäftszweige eingerichtet, die ihren muslimischen Klienten ermöglichen, Geld nach islamischen Prinzipien anzulegen. Gegründet wurde auch ein eigener Dow-Jones-Index für den islamischen Markt, in dem alle Firmen eingetragen sind, die die Richtlinien der Scharia erfüllen.
Ab den siebziger Jahren steigerten sich die Bemühungen und die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Wirtschaft und des Finanzwesen im Zusammenhang mit den festgelegten islamischen Regeln. Das Land Pakistan spielte dabei einer der Vorreiterrollen, wo islamische Gelehrte sich seit längerer Zeit mit der Vereinbarung des Bankenwesen und der islamischen Vorschriften befasst hatten.
Bei den islamischen Finanzgeschäften ging man zunächst nach den Prinzipien der mudaraba (partnerschaftliche Vermögensverwaltung), muscharaka (gemeinsame Unternehmungen) und murabaha (Einsatz plus Gewinn) vor. Es wurden partnerschaftliche Finanzierungsgeschäfte abgewickelt, bei denen die Gewinne und Verluste gemeinsam getragen wurden. Damit wurde der Versuch unternommen, Unternehmen mit guten Geschäftsideen mit Kapital auszustatten, sowie das Geld von Menschen, die ihr Vermögen nur in islamischen Banken anlegen wollten, für den ökonomischen Kreislauf nützlich einzusetzen, damit es nicht gehortet wurde, was der Islam nicht erlaubt. Gleichzeitig versuchte man der Pflicht Almosen (zakat) zu geben nachzukommen, indem Stiftungen für wohltätige Zwecke ins Leben gerufen wurden.

Auf einem Gipfeltreffen der Organisation Islamischer Staaten (OIC), die 1970 gegründet wurde, soll die Idee für eine „Islamische Bank für Entwicklung“ gereift sein und ein Jahr darauf wurde die „Dubai Islamic Bank“ eröffnet, die als einer der ersten modernen Banken nach islamischen Vorschriften unabhängig von Regierungsaufsicht arbeitete. Pakistan war eines der ersten Länder, wo in der Finanzbranche ab dem Jahr 1979 nach islamischen Regeln gearbeitet wurde. Es folgten andere Länder wie Sudan und der Iran.

Die Idee der Verlust und Gewinnteilung verlief jedoch nicht wie erhofft besonders effektiv für die Banken. Das konnte jedoch nicht die Entwicklung des islamischen Bankenwesens aufhalten. Im Gegensatz dazu entsandt aufgrund von sozioökonomischen und politischen Veränderungen eine neue Welle von theoretischen und praktischen Bemühungen die islamischen Prinzipien besser auf das Bankenwesen anzuwenden.

Gerade durch das Aufblühen der Religiosität konnten auch Staaten wie Malaysia und Bahrain mit dem Hinweis auf den Islam ihr Finanzsystem modernisieren. So konnten Privatisierung, Unternehmensfreiheit und Rechtssicherheit, auf die in der islamischen Lehre sehr viel Wert gelegt wird, durchgesetzt werden. Heute werden die Vorstellungen der islamischen Finanzinstitute nicht ohne weiteres von einigen als eine innovative und dynamische Kraft für die moderne Wirtschaft gehalten.

Da der Islam das wirtschaftliche Handel fördert, aber gleichzeitig unmoralische Bedingungen untersagt, konnte aus der islamischen Welt ein wirtschaftliches Paket mit ethischen Grundsätzen geliefert werden, wohingegen der Westen über die Ethik und Moral in der Wirtschaft zur Zeit noch debattiert.

Islamic Financial Service Board (IFSB)

Im Jahr 2002 wurde der Islamic Financial Service Board (IFSB) mit Sitz in Kuala Lumpur ins Leben gerufen. Auf ihrer website (www.ifsb.org) heißt es in Hinblick auf ihre Ziele:

“To promote the development of a prudent and transparent Islamic financial services industry through introducing new, or adapting existing, international standards consistent with Shari’ah principles, and recommend these for adoption.”

Article 4 (a) - IFSB Article of Agreement on the Objectives of the IFSB

“The preparation of standards by the IFSB follow a lengthy due process as outlined in its Guidelines and Procedures for the Preparation of Standards/Guidelines which involve, among others, the issuance of exposure draft and, where necessary, the holding of a public hearing.”

Zurzeit leitet Rifaat Ahmed Abdel Karim als Generalsekretär das Islamic Financial Service Board. Er ist seit 1996 Gastdozent an der Universität von Surrey (UK) und Honorar-Professor an der Monash University in Australien.

Zunächst wurden durch den IFSB folgende sieben Standards, Leitsätze und Geschäftspläne für die Islamische Finanzdienstleistungsbranche, die in einzelnen Schriften genauer erläutert werden, eingeführt.

  • Risk Management
  • Capital Adequacy
  • Corporate Governance
  • Supervisory Review Process
  • Transparency and Market Discipline
  • Recognition of Ratings on Sharī`ah-Compliant Financial Instruments
  • Development of Islamic Money Markets

Um ein größeres Bewusstsein für diese Themen zu schaffen, werden von der Islamic Financial Service Board in vielen Ländern internationale Konferenzen, Seminare, Workshops etc. veranstaltet. Dabei hat sich die IFSB folgende Ziele gesetzt:

  1. Förderung der Entwicklung von einer bedachten und transparenten Islamischen Finanzdienstbranche durch Einführung von neuen, oder durch Anpassung an bereits existierende internationale Standards, die mit den Prinzipien der Scharia übereinstimmen, sowie ihre Empfehlung für eine Übernahme.

  2. Beratung für eine effektive Leitung und Regulierung von Institutionen, die islamische Finanzprodukte anbieten, und Entwicklung von Kriterien für die Islamische Finanzdienstleistungsbranche für die Identifizierung, das Abschätzen, Managen und Aufzeigen von Risiken unter Beachtung der internationalen Standards der Bewertung, der Ertrag- und Kostenkalkulation, und dem getrenntem Ausweis.

  3. Zusammenarbeit und Kooperation mit relevanten Organisationen, die gegenwärtig die Standards für die Stabilität und die Kreditwürdigkeit des internationalen Geld- und Finanzsystems feststellen, und mit ihren Mitgliedsstaaten.

  4. Förderung und Koordination von Initiativen für die Entwicklung von Instrumenten und Prozessen für effiziente Arbeit und Risiko-Management.

  5. Förderung der Kooperation unter Mitgliedsstaaten zur Entwicklung der Islamischen Finanzdienstleistungsbranche.

  6. Unterstützung der Ausbildung und der persönlichen Entwicklung von Skills in den Bereichen, die relevant für die effektive Regulierung der Islamischen Finanzdienstleistungsbranche und der verwandten Märkte sind.

  7. Durchführung von Forschungen sowie Veröffentlichung von Studien und Umfragen zur Islamischen Finanzdienstleistungsbranche.

  8. Einrichten einer Datenbank mit Islamischen Banken, Finanzhäusern und Experten.

  9. Weitere Ziele, die die Hauptversammlung der IFSB später festlegt.

Tags: ,

Comments are closed.