Börsenorganisierter Hunger! Neoliberales Ausbeutungssystem mehrt nachhaltige Verarmung!
Das UN-Milleniumsziel, die Anzahl der hungernden Menschen auf dem Planeten Erde bis 2015 zu halbieren, ist in weite Ferne gerückt. Der naiven Hoffnung, dass weltweit florierende Märkte das Hungerproblem nahezu automatisiert beheben, spricht die Wirklichkeit Hohn.
Wenn die Situation so weiter läuft wie bislang, wird das Ziel der Agenda 21 der UN nie erreicht. Durch die Finanzkrise hat die Zahl von 800 Mio Hungernden im Jahr 2000 jetzt um fast 200 Mio zugenommen. Und Prognosen befürchten eine weitere Zunahme.
Weltweit mussten im Juli 2008 840 Millionen Menschen hungern. Einer von 8 auf unserem von 6,7 Milliarden Menschen bewohnten Planeten. Durch die Finankrise ist die Zahl auf nahezu eine Milliarde gestiegen. 1,3 Milliarden Menschen leben weltweit von weniger als einem Dollar pro Tag. In den armen Ländern gibt es keine Konjunkturpakete als Puffer. Dort wird einfach mehr gehungert und gestorben.
Schwellenländer wie China, Indien und Indonesien entdeckten in den letzten Jahren den Fleischkonsum für sich, von dem jedes Kilo 4-7 kg Getreide verschlingt und das 20fache an Wasser. Die gestiegene Getreidenachfrage treibt den Preis nach oben. Die Landwirtschaften der Welt geraten immer mehr aus den Fugen. Kleinbauern verlieren ihre Existenz, während Konzerne riesige Landflächen mit lediglich denjenigen Nutzpflanzen bewirtschaften, die sich gerade gewinnbringend in die Industrienationen verkaufen lassen.
Während die Industrienationen Arbeitskräfte und Landwirtschaftsflächen der armen Länder mit einseitigen und chemieeinsatzintensiven Nahrungsmittelproduktion ausbeuten und schädigen, kann man an den Weltbörsen mit Optionen auf Getreide, Soja, Kaffee, Raps und Zucker ein Schnäppchen machen.
Die Lebensmittelpreise verteuerten sich um 80%, der Weizen sogar um 180% in den letzten 3 Jahren.
Die Menschen in armen Ländern geben 75% ihres Geldes für Nahrungsmittel aus, während es in Deutschland gerade mal 11% des Einkommens ausmacht. Die Geflügelpreise verdoppelten sich seit 2000 und die Milchpreise verdreifachten sich gar.
Und wenn Indien die in der EU subventionierte Milch von dort billiger einkaufen kann, als die selbst produzierte, hat der indische Milchbauer nichts mehr auf den Markt zu bringen. Indiens Kuhwirtschaft, die einst mehr Milch als zum Eigenbedarf produzierte, wurde von Milchdumpingpreisen mit Subventionen der EU an die Wand gefahren.
33 Länder der Erde sind akut von Hunger bedroht. In Bangladesh stirbt jedes 5 Kind an Hunger.
Während Großgrundbesitzer in Brasilien 18 Mio Liter Ethanolsprit jährlich aus Zuckerrohrmonokulturen auf den Weltmärkten verkaufen, Regenwald gerodet wird, arbeiten dort 40.000 Arbeiter 12 Stunden täglich in den Plantagen für einen Hungerlohn; mit einer Lebensrestzeiterwartung von 12 Jahren. Zu offiziellen Sklavenzeiten im 19. Jahrhundert hatten erwachsene Sklaven noch eine Restlebenserwartung von immerhin 20 Jahren.
In Bolivien arbeiten 500.000 recht- und mittellose Arbeiter bei 4.000 Landbesitzern bis sie dahinsterben. Für Bio-Sprit. Statt dem Grundnahrungsmittel „schwarze Bohnen“ für Menschen, Energie für Maschinen.
Die Industriestaaten zahlen dafür. Gnadenlos. Möglichst wenig. Um dann mit großen Handelsspannen möglichst große Gewinne zu erzielen. Für den Jaguar, das Flugzeug, die Yacht und vergoldete Badezimmerarmaturen.
Und für einen billigen Rosenstrauß für die Geliebte. Dafür müssen in Ecuador Arbeiterinnen ohne Schutzanzüge monatlich über 300 Liter Pestizide und andere Chemiegifte über die Rosen in riesigen Gewächshäusern sprühen. Diese verseuchen das Grundwasser. Laut WHO sterben jährlich 20.000 Menschen an Vergiftungen und eine Million bekommen sie zu spüren!
Die Discounterinhaber auf der Nordhalbkugel drücken die Preise für Lebensmittel in den Produktionsländern in Ausbeutungsrahmenbedingungen, die faktisch Sklaverei sind.
Peru, das 1982 noch eine Investition von 6 Milliarden Euro für seine sehr fruchtbare Landwirtschaft erhielt, bekam 2002 nur noch eine Investition von 2 Milliarden ins Land. Der Global-Play, an dem nun auch China und Indien teilnehmen, drückt die Preise und Investitionen der Käufer nach unten.
Während Afrika nur 3% des weltweiten CO2-Ausstoßes verursacht, bekommt es die volle Breitseite der Klimaerwärmung zu spüren. Dürreperioden und Überschwemmungen häufen sich. Ganze Landstriche trocknen aus. Bis hinauf nach Ägypten. Im südlichen Afrika sind 14 Millionen Menschen von Dürre und Hunger unmittelbar bedroht.
Kilometerweit laufen Frauen, um mit Krügen Wasser für ihre Felder, ihre Tiere und sich zu organisieren. Streitereien um letzte Wasserressourcen nehmen zu. 200 Euro Jahreseinkommen ist programmierter Hunger.
Dazu kommt ein jährliches Weltbevölkerungswachstum von 80 Millionen Menschen. Und zumeist in armen Gebieten. Während pro Minute auf den Philippinen 3 Kinder geboren werden, muss das Land jährlich 2 Millionen Tonnen Reis importieren. 600 Slums säumen die Hauptstadt Manila, wo sich 20.000 Menschen von den Müllresten der Großstadt ernähren.
Vietnam freut sich über gestiegene Reispreise. Immerhin ist es einer der weltgrößten Reisexporteure. Doch die Armen von Afrika können ihn nicht mehr bezahlen. Und wenn sie ihn selbst anbauen, bauen sie die Malaria mit an, denn die Malariamücke vermehrt sich in feuchten Feldern. Mehr als 500.000 Menschen sterben jährlich an Malaria. Nur Aids übertrifft diesen Toten-Tanz. Nicht jede Gegend ist für jeden Nahrungsmittelanbau geeignet. Ökologische Gesetzmäßigkeiten werden missachtet.
Die habgierige Politik und Handel der Reichen sind der Grund für eine zerrissene Welt. Zerrissen in Arm und Reich. Chronifiziert organisierte Wirtschafts- und Finanzkrise der armen Länder und armen Menschen.
Vereinfacht beschrieben betreibt die Nordhalbkugel eine Auszehrung der Südhalbkugel. Bis der Globus zurückschlägt. Wir bekommen es bereits zu spüren. Noch ist es Zeit, die Ursachen der schmerzhaften Symptome zu erkennen und heilsame Veränderungen einzuleiten. Doch die Zeit läuft den Hungernden davon. Und wir verschleudern Milliardensummen für Bankenrettungen. Sind wir noch zu retten?
© Autor: Harald Schuster
Tags: Auswirkungen der Wirtschaft auf die Welt, Wirtschaftsethik
